Solingen, Deutschland

Der Genießer

Hierbei handelt es sich um eine kleine Horrorgeschichte für zwischendurch und mittendrin… Kommentare sind herzlich willkommen. Viel Spaß!

 

Kaffee. Schwarz, nuancenreich, mild fruchtig und ein wenig nussig. Und vor allem heiß! Wenn er gut werden soll, muss er heiß aber trinkbar sein. 4 Minute 30 zeigte die rückwärts laufende Stoppuhr, während die Aufregung wie Maschinengewehrsalven durch seine Adern schossen. Äußerlich wie immer gefasst, wischte er akribisch seine umgebaute Kaffeemaschine und die makellose Anrichte ab. Jeder Handgriff saß. Präzise, schnell und ohne unnötige Bewegungen. Streifenfreier Chrom und Edelstahl blitzte ihn an, als er zufrieden den Lappen entsorgte. Niemals benutzte er einen Lappen zweimal.

Alles an seinem Platz? Er konnte sich setzen. In 2 Minuten 28…27…26… wäre es soweit. Geschlossenen Auges schob er seine leicht schiefe, etwas zu groß geratene Nase über den Becherrand, schwebte direkt über dem Zentrum und sog den aufsteigenden Dampf ein. Erst ein großer Zug, dann viermalig stoßweise Kleine, bis zur Lungenfülle, zum absoluten Scheitelpunkt, zur maximalen Grenze seines Körpervolumens, verharrte einen extatischen Moment, um sich aufzurichten und mit dem Kopf im Nacken die Luft sacht über jede Geschmacksknospe seiner Zunge tanzen und schließlich in den gut verschlossenen Raum zu entlassen. Es war wie ein Rausch…

Jamaica Blue Montain. Sein Lieblingskaffee. Schwarz und unverfälscht. Vor allem unverfälscht. Plötzlich drängten sich schon wieder die Gedanken an die sog. Experten auf und seine Miene verfinsterte sich. Ärger, ohnmächtige Wut stieg in ihm auf als er diese Stümper Milch und Zucker in bedeutungslose Becher kippen sah und…

Idioten. Nichtskönner. Wie konnte man es wagen dieses göttlichste aller Getränke derart zu entweihen?

Eine Schandtat, nein, das grenzte an Blasphemie. Eigentlich müsste man sie zur Rechnschaft ziehen. Um sich zu beruhigen nahm er noch einen Zug, entspannte die geballte Faust, drehte die Tasse auf dem kleinen Tisch um etwa 1,2 Grad rechts herum und streckte den Rücken stärker durch.

Konzentration, Rüdiger, Konzentration. Wie sollte der Genuss dieses Bechers Kaffee perfekt werden, wenn er sich so gehen und ablenken ließ. Noch einmal blickte er an sich herunter, strich den weißen Anzug, dann seine lichten, grauen Haare glatt, um anschließend die flachen Hände neben dem makellos weißen Becher mit der schwarzen Flüssigkeit zu positionieren.

32 Sekunden. Rüdiger grinste vor Vorfreude auf den perfekten Augenblick.

Mit einem durchdringenden Brrrrrrrrr! wurde die Situation im Bruchteil einer Sekunde zerstört. Rüdiger, gerade noch in Gedanken schwelgend, zuckte schreckhaft zusammen. Unkontrolliert, losgelöst von Sinn und Verstand, verselbstständigte sich die rechte Hand und fegte über den weißen Holztisch um diesen Tag zu einem der schrecklichsten in Rüdigers 50jährigem Erdendasein zu machen. Verzweifelt ließ er sich auf die Knie fallen, versuchte den Becher am freien Fall zu hindern, dann ihm nachzugreifen, den Henkel kurz vor dem Aufschlag auf den weißen Fliesen zu fassen zu bekommen, doch vergeblich. Klirrplatschend endete der Flug in einem Desaster aus braunen Spritzern, Sprenkeln und Lachen, gespickt mit kleinen Keramiksplitterinseln. Wie in Zeitlupe richtete er sich auf, blinzelte erst eine, dann eine andere Träne fort und schnaufte stierartig, als er sich von einem weiteren noch energischeren Brrrrrr genötigt fühlte, die Tür zu öffnen und den Klingler zu töten. Mit einer Schürze bewaffnet, die seinen makelbehafteten Anzug überdeckte, sparte er sich schließlich Letzteres als er sah wer da klingelte.

„Dr. R. Schauherr? Ein Paket für Sie!“ Gehetzlangweilt hielt ihm der unrasierte Bote, das handliche Päckchen von „Toms Angelshop“ und das Unterschriftgerät mit modisch abgegriffenem Kunststoffstift entgegen. Quittieren, Päckchen rein, Tür zu, kurz duschen, umziehen und wieder zurück in den Keller, seinen Kaffeeraum auf Vordermann bringen. Nach zwei Stunden und unzählige Lappen später war er so weit, sich einen weiteren Kaffee zu zubereiten. Klopfenden Herzens führte Rüdiger sein Ritual durch. Wieder saß jeder Handgriff, doch diesmal noch exakter ausgeführt, um nicht noch einmal den Gott des Kaffees zu erzürnen. Die Maschine machte bereits schniefstampfende Geräusche, als Rüdiger den Kühlschrank öffnete, um seine Spezialfilter aus der Frischhaltebox zu holen und erstarrte. Schockeisig glotzte er in das leere Gefäß. Lange. sehr lange. Es wurde nicht voller.

Wäre er ein Durchschnittskaffeetrinker, würde er nun herüberschlendern zum Nachbarhaus und sich eine Filtertüte von der alten Schachtel leihen oder einfach den nächsten Supermarkt aufsuchen. Doch allein der Gedanken seinen Blue Montain mit einem industriellen Standardprodukt zu verunreinigen erzeugte einen Brechreiz sondergleichen. Niemals würde das geschehen. Er war Genießer. Ein absoluter Genießer. Der größte Genießer auf diesem Planeten, soviel war klar. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als abzubrechen, sich selbst zu vertrösten, zu leiden.

Also morgen, echote ihm schmerzhaft im Hinterkopf als er die Kaffeemaschine ausschaltete und alles an seinen Platz zurückräumte. Dann trat er durch die luftdichte Schleuse seines Kaffeeraumes in den Keller zurück und bereitete die Ernte vor. Zwar bereitete sie ihm nicht so viel Vergnügen, wie der Kaffeegenuss an sich, doch sie war notwenig und steigerte die Vorfreude immens. Nachdem er sich abermals umgezogen und die Salben, Verbände und Utensilien vorbereitet hatte, holte er das Päckchen, desinfizierte dessen Inhalt und legte alles auf einem kleinen Rollwägelchen bereit. Dieses schob er bis zum Ende des Ganges vor sich her. Dann öffnete er die schalldichte Tür. Eine warme Woge abgestandener Luft überrollte ihn als er eintrat. Außer der bollernden Heizung, einem Waschbecken und einem kleinen Tischchen, befanden sich lediglich ein Infusionsständer und ein waagerechtes Andreaskreuz in der Mitte des Raumes. Während die Tür von selbst verriegelte und Rüdiger mit seinem klimpernden Wagen über den Bodenabfluss der weißen Fliesen rollte, regte sich der nackte Körper soweit es die Lederbänder zuließen. Früher war sie eine Patientin von ihm gewesen, kam regelmäßig zur Hautkrebsvorsorge und hatte das Pech unverschämt gut auszusehen. Ihre Haut, immer straff und makellos, ließ ihn mehr als einmal in der Nacht zum Höhepunkt kommen. Wenig Muttermale, keine Hautläsionen, einfach köstlich. Rüdiger nahm das neue Filetiermesser in die behandschuhte Rechte und ließ den Blick über die unverbundenen Stellen schweifen, bis er eine passende gefunden hatte.

„Es tut mir Leid, Gnädigste, aber es muss sein!“ sprach er mit glitzernden Augen und setzte seinen Mundschutz auf. Ein hauchzartes „Nein, nicht…“ der benommenen Frau zeigte keinerlei Wirkung. Wenn es um Kaffee ging, verstand Rüdiger keinen Spaß und noch weniger Gnade.

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